Nachdenkliches zur Weihnachtszeit

23. Dezember 2015

Die „Tat“ einer Lehrerin…

Eines Tages bat eine Lehrerin ihre Klasse, die Namen aller anderen Schüler der Klasse auf ein Blatt Papier zu schreiben und ein wenig Platz neben den Namen zu lassen. Dann sagte sie zu den Schülern, sie sollten überlegen, was das Netteste ist, das sie über jeden ihrer Klassenkameraden sagen können und das sollten sie neben die Namen schreiben.

Es dauerte die ganze Stunde, bis jeder fertig war und bevor sie den Klassenraum verließen, gaben sie ihre Blätter der Lehrerin. Am Wochenende schrieb die Lehrerin jeden Schülernamen auf ein Blatt Papier und daneben die Liste der netten Bemerkungen, die ihre Mitschüler über den einzelnen aufgeschrieben hatten. Am Montag gab sie jedem Schüler seine oder ihre Liste.

Schon nach kurzer Zeit lächelten alle. „Wirklich?“ hörte man flüstern. „Ich wusste gar nicht, das ich irgendjemandem was bedeute!“ und „Ich wusste nicht, das mich andere so mögen“, waren die Kommentare.

Niemand erwähnte danach die Listen wieder. Die Lehrerin wusste nicht, ob die Schüler sie untereinander oder mit ihren Eltern diskutiert hatten, aber das machte nichts aus. Die Übung hatte ihren Zweck erfüllt. Die Schüler waren glücklich mit sich und mit den anderen.

… und wie es weiterging

Einige Jahre später war einer der Schüler gestorben und die Lehrerin ging zum Begräbnis dieses Schülers. Die Kirche war überfüllt mit vielen Freunden. Einer nach dem anderen, der den jungen Mann geliebt oder gekannt hatte, ging am Sarg vorbei und erwies ihm die letzte Ehre. Die Lehrerin ging als letzte und betete vor dem Sarg. Als sie dort stand, sagte einer der Anwesenden, die den Sarg trugen, zu ihr: „Waren sie Marks Mathelehrerin?“ Sie nickte. „Ja“. Dann sagte er: „Mark hat sehr oft von Ihnen gesprochen“.

Nach dem Begräbnis waren die meisten von Marks früheren Schulfreunden versammelt. Marks Eltern waren auch da und sie warteten offenbar sehnsüchtig darauf, mit der Lehrerin zu sprechen.

„Wir wollen ihnen etwas zeigen“, sagte der Vater und zog eine Geldbörse aus seiner Tasche. „Das wurde gefunden, als Mark verunglückt ist. Wir dachten, Sie würden es erkennen“. Aus der Geldbörse zog er ein stark abgenutztes Blatt, das offensichtlich zusammengeklebt, viele Male gefaltet und auseinandergefaltet worden war. Die Lehrerin wusste ohne hinzusehen, dass dies eines der Blätter war, auf denen die netten Dinge standen, die seine Klassenkameraden über Mark geschrieben hatten.

„Wir möchten Ihnen so sehr dafür danken, dass Sie das gemacht haben“, sagte Marks Mutter. „Wie Sie sehen können, hat Mark das sehr geschätzt“.

Alle früheren Schüler versammelten sich um die Lehrerin. Charlie lächelte ein bisschen und sagte: „Ich habe meine Liste auch noch. Sie ist in der obersten Schublade in meinem Schreibtisch“. Die Frau von Heinz sagte: „Heinz bat mich, die Liste in unser Hochzeitsalbum zu kleben“. „Ich habe meine auch noch“, sagte Monika. „Sie ist in meinem Tagebuch. Dann griff Irene, eine andere Mitschülerin, in ihrem Taschenkalender und zeigte ihre abgegriffene und ausgefranste Liste den anderen. „Ich trage sie immer bei mir“, sagte Irene und meinte dann: „Ich glaube, wir haben alle die Listen aufbewahrt“. Die Lehrerin war so gerührt, dass sie sich setzen musste und weinte. Sie weinte um Mark und für alle seine Freunde, die ihn nie mehr sehen würden.

Im Zusammenleben mit unseren Mitmenschen vergessen wir oft, dass jedes Leben eines Tages endet und dass wir nicht wissen, wann dieser Tag sein wird. Deshalb sollte man den Menschen, die man liebt und um die man sich sorgt, sagen, dass sie etwas Besonderes und Wichtiges sind. Man sollte es sagen, bevor es zu spät ist.

In diesem Sinne wünsche ich Dir friedvolle Weihnachten und ein glückliches und gesundes Jahr 2016.

Richard

4 Kommentare auf "Nachdenkliches zur Weihnachtszeit"

  1. Gerd Hornbostel sagt:

    Danke für die Weihnachtspost, Richard!
    Dir und allen Mitlesern auch geruhsame Tage zum Jahresende.
    Vielen Dank für diese schöne Geschichte.
    Meine Augenwinkel sind noch ein wenig feucht…

    GerdH

  2. Paul Dorsch sagt:

    Danke für Eure Bemühungen uns auf den laufenden zu halten.
    Danke für diese Geschichte u. Ganz viel Meer.
    Die Liebe sagt: Es ist,wie es ist…
    ..Und Sie hat recht,
    ..auch wenn ich nicht immer weiß, WARUM

    euch u.. den Lesern ein gutes Jahr 2016.
    Ich freue mich auf alles was kommt..
    Lg.
    Paul

  3. Ingrid sagt:

    …. immer wieder sehr schöne Geschichte die einem DAS vor Augen hält. Dazu passt auch der Spruch von dem uruguaischen Präsident * José Mujica* der sagte:
    ** „Wir haben Berge von überflüssigem Bedarf angehäuft. Ständig müssen wir kaufen, wegwerfen, kaufen… Es ist unser Leben, das wir verschwenden. Denn wenn wir etwas kaufen, bezahlen wir nicht mit Geld. Wir bezahlen mit unserer Lebenszeit, die wir aufwenden mussten, um dieses Geld zu verdienen. Der Unterschied ist: Leben lässt sich nicht kaufen. Es vergeht einfach. Und es ist schrecklich, dein Leben zu verschwenden, indem du deine Freiheit verlierst.“ **

    (José Mujica – Er war von 2010 bis 2015 Präsident von Uruguay)

    Schade das es nicht mehr von dieser Art Menschen gibt ( und besonders im Stand des Präsidenten) dann sähe unsere Welt anders aus.
    In diesem Sinne FROHE WEIHNACHTEN wünscht
    Ingrid

  4. Elke sagt:

    Lieber Richard, liebe Gabi, danke für all eure Mühe und eure Zeit, die ihr für uns erübrigt habt. Egal wann jemand Hilfe brauchte, konnte er sich melden. Das ist nicht selbstverständlich. Wenn es doch nur mehr solcher Menschen geben würde. Ich finde diese Geschichte super schön und absolut wahr. Solch eine Liste kann das Leben schon total verändern und in eine andere Richtung bringen.
    Schöne Feiertage noch und euch allen ein gesundes und glückliches Jahr 2016.
    Liebe Grüße von Elke

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